Onesimus ist der Sklave von Philemon. Er erzählt von seinem Leben und seinen Fragen zur Freiheit.

Ich stelle mich mal vor. Ich bin Onesimus und lebe bei Philemon in Kolossä. Kolossä liegt in Kleinasien, ihr nennt es heute Westtürkei. Es liegt eher in den Bergen, einen Hafen haben wir hier leider nicht. So ist es schwieriger, Geld zu verdienen. Doch wir haben etwas Besonderes, worauf wir hier sehr stolz sind: Schwarze Wolle. Ja, das ist etwas Besonderes in unserer Zeit. Und einige Händler experimentieren mit verschiedenen Farbstoffen, um Wolle bunt einzufärben. Und damit ist unsere Stadt interessant für Menschen in anderen Gegenden in Asien. Wir betreiben einen kleinen Handel mit dem Rest der Welt.

Na ja, was heißt wir? Mein Herr - Philemon - beteiligt sich an den Geschäften und ich muss da mitmachen. Sonst wird es hier ungemütlich. Ich bin nämlich der Sklave von Philemon. Das bin ich schon immer, von klein auf sozusagen. Es gab wohl keine Zeit, in der ich kein Sklave war. Sklave zu sein bedeutet, unfrei zu sein. Mein Herr bestimmt über mich. Er sagt, was ich zu tun oder zu lassen habe. Er kauft mir ein neues Gewand, wenn mein altes zu kurz geworden ist oder zu viele Risse hat. Er schimpft mit mir, wenn er mit meiner Arbeit nicht zufrieden ist. Er hetzt mich, wenn er meint, ich sei zu langsam oder zu faul. Loben? Ja, loben kommt eigentlich nicht vor.

Für alle Arbeiten im Haus, am Haus und bei den Geschäften des Philemons bin ich zuständig. Morgens den Hof fegen, dann mit der Köchin auf den Markt und die schweren Körbe heimschleppen. Eigentlich bin ich dann schon müde und heiß wird es auch. Aber Ausruhen, das gibt es nicht. Schon bekomme ich ein Bündel mit Wolle unter die Arme gedrückt und werde einmal durch die Stadt geschickt, um das mal schnell - und Philemon meint dann auch wirklich schnell - irgendwo abzugeben. So geht es den ganzen Nachmittag weiter. Immer ist irgendetwas von hier nach dort zu tragen. Und wenn nicht, dann heißt es, das Lager mit unserer Wolle aufzuräumen und neu zu sortieren. Das ist staubig und heiß und die kleinen Wollfasern kitzeln in der Nase und auf der Haut. Wenn es dann endlich Abend wird und etwas kühler, freue ich mich auf mein bescheidenes Lager und schlafe ermattet ein. So geht es Tag für Tag.

Nie kann ich selber bestimmen, wann ich aufstehe, was ich machen möchte, was ich esse oder trinke, wem ich freundlich begegnen möchte, oder mit wem ich nichts zu tun haben möchte. Alles wird von den anderen bestimmt. Also vor allem von Philemon oder von Aphia, seiner Frau. Es gibt Tage, da könnte ich schreien. Ist das nicht ungerecht, so ein Leben?

Dann gibt es Tage, wo ich leidlich zufrieden bin. Ich hätte es viel schlechter treffen können. Manche Sklaven werden von ihren Herren geschlagen, wenn sie unzufrieden mit deren Arbeit sind. Manche Sklaven bekommen nicht genügend zu essen. Manche Sklaven laufen in alten Lumpen herum.

Nein, da kann ich über Philemon und Aphia nicht meckern. Geschlagen wurde ich noch nie. Es gibt ausreichend zu essen. Wie schon erzählt, auch angezogen bin ich ordentlich. Ja, und das ist nicht selbstverständlich, die legen Wert darauf, dass ich immer frisch gewaschen bin. Also als Sklave habe ich es eigentlich gut, wenn man es als Sklave gut haben kann.

Doch ich sehne mich nach Freiheit, nach Verweigerung, nach Eigenständigkeit. Doch die werde ich als Sklave nicht bekommen.

Und dann höre ich etwas bei einer Versammlung im Haus von Philemon, das mich wirklich beschäftigt. "Zur Freiheit hat uns Christus befreit!"

Doch ich sollte vielleicht der Reihe nach erzählen. Philemon und seine Frau zählen sich zu den Freunden von Jesus Christus. Das war damals in unserer Gegend ungewöhnlich. Viele glaubten an die unterschiedlichsten Götter; einige waren Juden und ganz wenige in Kolossä waren Christen. Diese Freunde von Jesus Christus trafen sich reihum in ihren Häusern. Man betete zusammen, sang Psalmen und las sich Briefe von einem Paulus vor. Dann wurde diskutiert und oft zusammen gegessen. So ein Versammlungsabend machte mir immer noch viel mehr Arbeit als sonst. Wurde doch morgens schon mehr eingekauft und ich musste mehr schleppen. Dann musste alles besonders reinlich sein, im Haus und ums Haus herum. Und danach hatte ich wieder viel wegzuräumen und auch wieder sauberzumachen. Meinetwegen hätte es diese Versammlungen im Haus von Philemon nicht geben müssen. An diesem einen Abend war ich beauftragt worden, die Speisen zu unseren Gästen zu bringen und da habe ich den Satz gehört. Heftig wurde darüber diskutiert, was denn mit der Freiheit, zu der uns Christus befreit, gemeint ist.

Gerne hätte ich was dazu gesagt, denn ich kenne mich ja mit Unfreiheit aus, also weiß ich was zur Freiheit. Doch ich wurde nicht gefragt und zu sagen hatte ich als Sklave ja auch nichts.

Doch der Satz sitzt in meinem Kopf und lässt mich nicht mehr los. Was meint er denn? Welche Freiheit ist denn gemeint? Meine Freiheit? Kann ich als Sklave frei sein?

Der Satz machte mich verdrießlicher. Meine Unfreiheit erschien mir noch enger als zuvor. Alle bestimmten über mich. Selbst das Wetter ist mir nicht hold, es ist einfach zu warm.

Und dann war er da, der Gedanke: "Abhauen!" "Onesimus mach dich auf den Weg in die Freiheit!"

Und gleichzeitig war ein ganz anderer, ganz riesiger Gedanke da: "Viel zu gefährlich!"

Nächste Woche erzähle ich dir, was Onesimus macht. Bleiben oder gehen?

Philemon; Gal 5,1

27.7.2024

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Hat Onesimus jetzt seine Freiheit, da er von Philemon weggegangen ist? Oder lernt er jetzt die Angst kennen?

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Nele ist sehr nachdenklich. Schläge, Gefängnis, Loblieder für Gott. Passt das zusammen?