Hat Onesimus jetzt seine Freiheit, da er von Philemon weggegangen ist? Oder lernt er jetzt die Angst kennen?

Du kennst mich schon, ich bin Onesimus, der Sklave von Philemon und Aphia und lebe in Kolossä.

Seit Tagen treibt mich ein Gedanke um: Gehen oder bleiben?

Wenn ich bleibe, bleibe ich Sklave und muss machen, was mir gesagt wird.

Wenn ich gehe, dann - ja, was dann? Bin ich dann frei? Kann ich dann tun und lassen, was mir gefällt?

Ach, wenn ich doch wüsste, was richtig für mich ist. Und alles nur, weil bei der Versammlung der Christen diesen Satz von Paulus gehört habe: "Zur Freiheit hat uns Christus befreit!" Welche Freiheit hat Paulus wohl damit meint?

Und dann bin ich so weit. Ich habe mich die halbe Nacht auf meinem Lager herumgewälzt. All diese Gedanken im Kopf. Da bin ich dann aufgestanden; habe mir einen Wasserschlauch gesucht, ein Stück Brot in der Küche und eine Decke. Das habe ich zu einem Bündel verschnürt und habe mich auf den Weg gemacht. Hinein in die dunkle Nacht. Das war nicht weiter schlimm, in Kolossä kenne ich mich ja aus.

Doch wohin wollte ich gehen? Auch das wusste ich nicht. Ich ging einfach der Straße entlang nach Westen. Da irgendwo sollte das Meer sein. Meer, das stellte ich mir spannend vor. Das kannte ich nicht.

Ich lief und lief, hinter mir, ging langsam die Sonne auf und ich wurde müder und müder. Also suchte ich mir einen Platz hinter einem dicken Busch, rollte mich in meine Decke und schlief erstmal eine Runde. Als ich aufwachte, merkte ich, dass ich sehr hungrig war. Schnell hatte ich mein Stück Brot aufgegessen und das Wasser im Wasserschlauch wurde auch immer weniger. Nun musste ich mir einen Plan machen. Wie komme ich an etwas zu essen und wo finde ich Wasser?

Schwierig, schwierig, alles beides. Geld, um mir was zu kaufen, habe ich ja nicht. Und wo hier ein Brunnen ist, weiß ich auch nicht.

Das fängt ja schon schwierig an. Ach ja, und das habe ich dir auch noch nicht erzählt: Ein Sklave ist hier nichts wert, der wird wie ein Gegenstand behandelt. Sollte mich einer umbringen, dann wäre das nicht schlimm. Sollte mich einer gefangen nehmen und mich zu Philemon zurückbringen, könnte das schlimm werden. Ob ich es dann noch so gut hätte, wie es bislang war - keine Ahnung.

Doch ich wollte ja frei sein.

Jetzt war ich frei, doch was war das für eine Freiheit? Ich war gefangen in Angst, ich hatte Hunger und Durst. Ich wusste nicht, wie es weitergehen könnte.

Zögerlich machte ich mich auf den Weg. Große Straßen benutzte ich nicht, mehr so kleine Pfade. Und irgendwann fand ich auch einen Brunnen - Gott sei Dank! Ich füllte meinen Bauch mit Wasser, das war besser als Hunger zu haben. Meinen Wasserschlauch füllte ich auch, das war gut für den nächsten Tag. Wie komme ich nur an, etwas zu essen? Da schaute ich zu meinen Füßen. Ich stand mitten im Dickicht mit kleinen Beeren. Ich wusste, die kann ich essen. Was für ein gutes Abendessen. Dann ging ich noch etwa weiter, immer weiter nach Westen und legte mich, als es zu dunkel zum Gehen wurde, wieder in meine Decke gewickelt unter einen großen Baum. Ich sah den Sternen am Himmel zu und dachte: "Das ist Freiheit! Unter einem Baum zu liegen und den Sternen zuzuschauen, das ist es!"

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatte ich einen steifen Rücken; so richtig entspannend ist das Schlafen in Freiheit unter dem Sternenhimmel wohl doch nicht.

Immer wieder musste ich durch kleine Orte oder sogar kleine Städte. Das war anstrengend für mich. Das war keine Freiheit. Ich drückte mich an den Häusern im Schatten entlang, ich schaute zu Boden, dass mich keiner richtig sah oder erkannte, oder noch schlimmer, ins Gespräch mit mir kommen wollte.

Es war ein einsamer Weg. Das mit dem Essen war immer wieder schwierig. Manchmal war ich mutig und bot meine Hilfe an, bei einem Handwerker oder einem Hirten. Da verdiente ich mir ein Essen. Doch, halt nur für einen Tag. Ich wollte weiter, wollte nicht gefragt werden. Angst war meine ständige Begleitung.

Erst als ich mich entschied, über die Hügel zu gehen, wurde es besser mit der Angst. Bei den Hügeln fand ich immer irgendeine Höhle zum Schlafen. Manchmal konnte ich mir in einer Höhle nachts ein Feuer machen, dann hatte ich es mal etwas gemütlich und warm. In den Hügeln gab es auch kleine Flüsse. Einmal wusch ich meine Kleidung und meine Decke und nahm ein kleines Bad. Wie erfrischend und herrlich, dass ist Freiheit! Ich fühlte es!

Einmal war ich auf einem Hügel und schaute nach Westen. Die Sicht war ausnahmsweise mal sehr gut und da sah ich es, das Meer. Ganz weit hinten am Horizont war es zu sehen. Davor eine große Stadt.

Die sollte mein Ziel sein, da wollte ich hin. Aber nicht auf der großen Handelsstraße, nein ich blieb bei meinen kleinen Pfaden, freute mich an Sternenhimmel und Bächen, lebte viel von Beeren und manchmal, ganz manchmal war ich frei und unbeschwert und hatte vergessen, dass ich ein Sklave war. Ein ausgerissener Sklave.

Ob das Paulus meinte, wenn er von Freiheit sprach? Ich hatte keine Ahnung.

Und wenn ich an die große Stadt dachte, die vor dem Meer lag, verließ mich mein Mut. Wie sollte ich unerkannt an den vielen Menschen vorbeikommen?

Dann wieder dachte ich: "Jetzt bin ich schon so weit gekommen und es ist mir nichts passiert. Es wird schon noch weiter klappen!"

Immer näher kam ich an die große Stadt heran. Nur noch wenige Tage lagen zwischen mir und ihr. Wie weit war ich eigentlich gegangen? Wie viele Tage war ich nun schon unterwegs? Ich hatte den Überblick verloren. Doch es war lange, und es war weit. Und ob ich die Freiheit gefunden habe, war noch lange nicht klar? Ich wollte jetzt hier in den Hügeln noch mal eine kleine Pause machen, bevor ich hinunter in die große Stadt ging. Wäschewaschen, Baden, Kraft sammeln - und Mut.

Nächste Woche erzähle ich dir, was Onesimus in der großen Stadt erlebt.

Philemon

3.8.2024

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Onesimus trifft Paulus, der in Ephesus im Gefängnis sitzt. Onesimus wird ein zuverlässiger Helfer für Paulus.

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Onesimus ist der Sklave von Philemon. Er erzählt von seinem Leben und seinen Fragen zur Freiheit.