Onesimus trifft Paulus, der in Ephesus im Gefängnis sitzt. Onesimus wird ein zuverlässiger Helfer für Paulus.
Du kennst mich schon, ich bin Onesimus, der Sklave von Philemon und Aphia und lebe eigentlich in Kolossä. Doch nun bin ich schon viele Wochen unterwegs. Ich bin abgehauen. Ein Sklave, der weggelaufen ist. So einer bin ich. Sklaven sind bei uns in der Gesellschaft Gegenstände, Dinge. Und mit mir kann man, jetzt, da ich nicht mehr unter dem Schutz meines Herren Philemon stehe, machen was man will. Auch töten ist möglich.
Warum ich das Risiko eingehe? So genau kann ich das auch nicht erklären. Ich wollte frei sein. Das stellte ich mir wunderbar vor. Keiner mehr, der sagt: Onesimus, mach das, Onesimus mach dieses, Onesimus beeile dich doch.
Stimmt schon, das sagt jetzt keiner mehr zu mir. Doch mein Kopf sagt viel zu mir: Onesimus pass auf dich auf, Onesimus sei vorsichtig, Onesimus, wenn einer erkennt, dass du ein weggelaufener Sklave bist, was kann dir nicht alles geschehen.
Ich wollte die Freiheit kennenlernen. Doch ich habe die Angst kennengelernt. Viele, viele Nächte bin ich gelaufen, dass mich keiner sieht.
Doch, ich will genau sein, die Freiheit in den Hügeln habe ich kennengelernt. Da gibt es Höhlen, in denen man wunderbar schlafen kann. In den Hügeln trifft man vielleicht mal einen Hirten mit seiner Herde, da ist es menschenleer, da kann ich auch am Tag weiterlaufen. Und wie wunderbar es ist, seine Kleidung zu waschen und ein Bad im Flüsschen zu nehmen, das habe ich auch gelernt.
Und nun bin ich fast am Ziel. Mein Ziel ist das Meer. Am Meer war ich noch nie. Von den Hügeln aus habe ich es schon gesehen. Es ist riesig, soweit meine Augen sehen können.
Jetzt gehe ich von den Hügeln auf die große Stadt Ephesus zu. Ich versuche, mich verborgen zu halten. Gesicht nach unten, eiliger Schritt, die Hausmauern entlang. Hausmauern gibt es hier viele. Doch wo soll ich in der Nacht schlafen? Auf den Weg kann ich mich ja wohl schlecht legen. Ich blieb stehen und sah mich um. Das war mutig von mir. Und es machte mich schlauer. Wenn ich das richtig beobachte, dann gibt es hier in Ephesus eine Menge Menschen, die wohl in einer ähnlichen Situation sind wie ich. Nicht auffallen wollen sie, auf keinen Fall auffallen. Wo die wohl schlafen? Ich suchte mir eine Person aus, bei der ich mir ganz sicher war, dass sie auch ein weggelaufener Sklave war. Der ging ich nach. Natürlich mit Abstand. Aber die Person war ja auch damit beschäftigt, nicht aufzufallen und achtete gar nicht auf mich. Es wurde langsam dunkel. Wo der Mensch jetzt wohl hingeht. Und dann erkannte ich das Ziel von ihm und von einigen anderen auch. Das riesige Theater in Ephesus war das Ziel. Dicke Steintreppen waren um die Spielfläche aufgebaut. Da fanden alle Platz. Ich auch. Ich rollte meine Decke aus und legte mich hin. Die Steinstufen waren noch warm von der Sonne. Gemütlich - dachte ich. Doch als ich mitten in der Nacht aufwachte, war mir bitterkalt. Der Sternenhimmel über mir war wunderschön, auch der Mond, doch der Wind vom Meer war kalt. Ich setzte mich auf und rieb mir Arme und Beine. Ich merkte, vielen anderen hier ging es genauso. Alle waren sie irgendwie unruhig. Da sprach mich einer an. "Na, kalt hier, gell? Die Höhlen in den Hügeln, dahinten im Osten, die sind da viel gemütlicher. Da zieht es nicht so. Doch ich will nicht jammern, lieber kalt und an der frischen Luft, alles besser als im Gefängnis. Ich frage mich, wie das der Paulus da aushalten kann?"
Was hat der gerade gesagt: "Paulus?"
Ich fragte gleich nach: "Meinst du den Paulus, der von Jesus Christus erzählt?"
"Ja", brummte der andere. "Der ist hier schon seit Wochen im Gefängnis, das würde ich nicht aushalten. Da friere ich lieber ein wenig."
Dann rollte er sich wieder in seine Decke und nach ein paar Minuten schnarchte er gleichmäßig.
Ich war glockenhell wach - mitten in der Nacht. Paulus ist hier im Gefängnis. Ob man den da besuchen kann? Das wäre es doch, ich gehe da hin, sage, ich will den Paulus sprechen und dann frage ich ihn, was er mit dem Satz meint: Zur Freiheit hat uns Christus befreit.
So entstand mein Plan für den nächsten Tag.
Es gelang mir noch ein wenig zu schlafen. Morgens weckte mich dann die Sonne und mir fiel wieder ein, was ich für heute vorhatte. Der Mann neben mir war auch gerade am Aufwachen, also konnte ich ihn befragen zu Paulus und zum Gefängnis. Er machte mir Mut, dass das schon klappen könnte.
Also machte ich mich auf den Weg. Das Gefängnis hatte ich gleich gefunden. Den Paulus zu finden, war nicht so einfach. Das Gefängnis war voller Menschen. Doch Paulus war bei allen bekannt. So fand ich ihn und ich verneigte mich vor ihm und bot ihm meine Dienste an. Das hatte ich mir so überlegt. Ich kann ja nicht kommen und sagen: "Hey Paulus, wie meinst du diesen Satz, erklär ihn mir, und übrigens bin ich ein weggelaufener Sklave, der die Freiheit sucht.”
Paulus schien sich über mein Angebot zu freuen. Paulus sah mich an und sagte: "Ich könnte tatsächlich deine Hilfe gebrauchen. Kannst du am Markt Einkäufe erledigen? Kannst du was kochen? Kannst du Papier besorgen und Briefe wegbringen?" Ich nickte: "Kann ich!" Na, das mit dem Kochen war wohl etwas übertrieben, doch den Rest konnte ich mir ganz gut vorstellen. Und schon sagte Paulus: "Onesimus geh auf den Markt und kaufen ein Brot und etwas Obst und vielleicht gibt es Oliven." Ich machte mich auf den Weg. Paulus hatte mir Geld in die Hand gedrückt. Auf dem Markt gab es wirklich sehr viel und in kurzer Zeit hatte ich die drei Dinge eingekauft und lief zurück zum Gefängnis. Nun kannte ich mich ja schon aus und fand Paulus gleich. Paulus teilte meine Einkäufe mit mir und wir hatten eine schöne gemeinsame Mahlzeit. Ich genoss es. Ich fühlte mich frei - und satt. Als es Abend wurde, ging ich wieder zurück zum Theater. Ich schaute den Sternen beim Aufgehen zu und dann schlief ich ein.
Am nächsten Morgen ging ich wieder zu Paulus - ich hatte es versprochen. Diesmal sollte ich die Wäsche für ihn waschen. Ich ließ mir erklären, wo es einen Waschplatz gab, und machte mich an die Arbeit. Es war ein warmer Tag und schnell trockneten die Sachen. Auf dem Weg zurück ins Gefängnis kaufte ich wieder was zu essen ein. Wieder teilte Paulus seine Mahlzeit mit mir. Es war wunderbar. Dann schickte er mich zurück ins Theater; er wollte noch etwas an seinem Brief an die Gemeindevorsteher in Ephesus schreiben. Und - man sah es Paulus an - er hatte heute einen schwachen Tag. Paulus war kränklich.
So vergingen die Tage und Wochen. Paulus und ich waren ein eingespieltes Team. Paulus hatte immer schon einen Plan, was ich an jedem Tag tun sollte. Mal sollte ich Briefe austragen, mal Papier kaufen. Na klar, einkaufen, eigentlich immer. Nur das mit dem Kochen, das wurde nicht so recht. Ich hätte bei Philemon vielleicht öfters mal in die Küche schauen sollen. Ich weiß nicht, ob ich das so sagen kann, ich hatte das Gefühl, Paulus und ich wurden Freunde. Ich sah Paulus jeden Tag an, ob seine Krankheit heute gut oder schlecht war. Paulus hatte immer ein freundliches Wort für mich. Und manchmal nahm er sich die Zeit, mir von Jesus Christus zu erzählen und von dem einen Gott, der die Welt gemacht hat. Ich hörte ihm gerne zu und abends im Theater auf den Steinstufen hatte ich viel, über das ich nachdenken konnte.
Und als ich so nachdachte, kam mir in den Sinn: "Was ist so anders als bei Philemon? Paulus sagt mir auch, was ich tun soll, und ich mache es? Doch ich fühle mich anders als bei Philemon!" Genau, das ist der Unterschied!
Nächste Woche wird es ernst. Vertraut Onesimus Paulus und glaubt er an Jesus Christus?
Philemon
10.8.2024