Paulus hat einen Brief an Philemon geschrieben. Onesimus soll ihn persönlich abgeben. Für Onesimus wird das ein schwerer Weg mit vielen Gedanken.
Du kennst mich schon. Ich bin Onesimus und eigentlich Sklave von Philemon und Aphia, doch gerade bin ich der "Nützling" für Paulus. Nützling nennt mich Paulus, weil ich Onesimus heißte und das bedeutet: der Nützliche. Und ich bin dem Paulus nützlich. Paulus sitzt im Gefängnis in Ephesus und ich erledige viele Dinge für ihn. Paulus schreibt immer wieder Briefe an die Gemeinden, die er in Kleinasien gegründet hat, oder ganz einfach an die Gemeindevorsteher in Ephesus. Meine Aufgabe - unter vielen anderen ist - Papier zu besorgen und die Briefe wegzubringen. Die in Ephesus trage ich selber aus, für die anderen suche ich Boten, die sie mit auf ihre Reise nehmen und hoffentlich ordentlich abgeben.
Und jetzt sitzt Paulus schon seit Tagen an einem Brief, den er an meinen Herrn Philemon schreibt und den ich, der Sklave von Philemon, dann da hinbringen soll.
Der Gedanke ist mir ja nun schon etwas länger vertraut, doch das Gefühl in meinem Magen ist immer noch mulmig.
Und dann ist er fertig, der Brief und Paulus liest ihn mir vor.
Ich sitze am Boden und habe mich an die Wand gelehnt. Mir ist schlecht vor Aufregung.
Da fängt Paulus an vorzulesen, natürlich zuerst die Begrüßung und Vorstellung:
"Ich, Paulus, der Gefangene wegen Jesus Christus, grüße dich, lieber Philemon und alle, die in deinem Haus und Ort sich zu den Christusfreunden zählen. Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Ich freue mich, dass du zu den Christusfreunden gehörst und danke Gott im Gebet, dass ich dich als Freund habe. Ich weiß, dass du ein verlässlicher Bruder im Glauben ist. Doch jetzt habe ich eine Bitte. Nein, ich will dir nicht vorschreiben, was du zu tun und zu lassen hast. Doch ich bitte dich, ich, der Paulus, der alte Mann und der Gefangene. Ich bitte dich für meinen Freund und Bruder, ja er ist mir wie ein Sohn geworden, dein Sklave Onesimus. Er ist mir hier sehr nützlich und mir ans Herz gewachsen. Doch ich sende ihn mit diesem Brief an dich zurück. Es ist so, als würde ich dir mit ihm und dem Brief mein Herz senden.
Ich hätte Onesimus gerne hierbehalten, doch ohne deine Zustimmung wollte ich das nicht tun. Und nun sende ich ihn dir zurück. Nicht als Sklave, da hat sich was geändert. Onesimus ist, wie du und ich, ein Christusfreund geworden. Ich habe ihn getauft. Er ist mein Bruder und dein Bruder. Ich bitte dich, nehme ihn als Bruder auf, so als käme ich zu dir zu Gast. Und - solltest du einen Schaden durch den Weggang von Onesimus erlitten haben, dann stell ihn mir in Rechnung. Ich werde dir den Schaden ausgleichen.
Doch sicherlich wird das nicht nötig sein, denn du weißt ja, wie nützlich mir Onesimus bei meinem beschwerlichen Leben im Gefängnis war.
Ich hoffe sehr, dass es mir bald möglich ist, wieder zu reisen, dann würde ich gerne bei dir zu Gast sein. Grüße alle!
Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit euch allen. Paulus"
Ich glaube, ich habe die ganze Zeit die Luft angehalten als Paulus den Brief vorgelesen hat. Nun ist er dabei, ihn zusammenzurollen und eine Schnur darum zu wickeln.
Am meisten durcheinander macht mich: ich, der Bruder von Philemon.
Klar theoretisch stimmt das schon. Ich ein Christusfreund, er ein Christusfreund.
Doch kann das gehen?
Paulus verabschiedet mich, gibt mir den Brief und ein paar Münzen und segnet mich. Er verspricht mir, für mich zu beten, dass ich gut zu Philemon komme, ich der entlaufene Sklave.
Noch einmal schlafe ich auf meiner Steintreppe im Theater von Ephesus und am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg. Die Hügel hoch und dann rein in die Weite der kleinen Berge. Immer wieder drehe ich mich um und schaue auf das Meer. Es ist zu schön. Mein Plan ist es, wieder durch die Hügel zu laufen und in kleinen Höhlen zu schlafen, manchmal bei einem Hirten für ein, zwei Tage mitzuarbeiten und mir dadurch etwas zu Essen zu verdienen. Ich freue mich auf die Bäder in den kleinen Flüssen.
Das ist die schöne Seite meines Weges. Die andere ist sehr bedrückend: Was macht Philemon mit mir?
Und dann ist da noch die Frage nach der Freiheit, auf die ich immer noch keine genaue Antwort habe. Paulus sagt: Zur Freiheit hat uns Christus befreit.
Heißt das: Philemon kann sich die Freiheit nehmen, mich freizusprechen.
Heißt das, ich habe die Freiheit für Philemon so zu arbeiten, wie ich für Paulus gearbeitet habe und dabei ein Sklave sein, oder ein freier Mann?
Und eigentlich heißt es doch als Christusfreund, ich bin frei von der Angst vor dem Tod, denn Christus hat den Tod überwunden.
Und manche Freiheit habe ich ja für mich gewonnen. Die Wege durch die Hügel, die Bäder in den Flüssen und Bächen, Kochen habe ich gelernt - naja, Gemüsesuppe, die Nächte unter dem Sternenhimmel. Und die viele Zeit und die guten Gespräche mit Paulus. Alles Freiheiten, die ich kennenlernen durfte und genossen habe.
Immer wieder überlege ich mir, wie ich mich verhalten, wenn ich bei Philemon ankomme. Ob er mich überhaupt erkennt? Was er wohl zu dem Brief sagen wird?
Manchmal trödele ich auf dem Weg, ich will das Ankommen hinauszögern. Manchmal bin ich schnell unterwegs, und will es hinter mich bringen.
Ich halte mich fest an dem Brief des Paulus. Es ist ein freundlicher Brief für mich und für Philemon. Paulus macht klar, dass ich ein Christusfreund bin wie er und Philemon. Das ist doch ein guter Ausgangspunkt. Daran halte ich mich fest!
Wie das mit Onesimus und Philemon aus und weitergeht, erzählt die Bibel nicht. Da dürfen wir uns unsere eigenen Gedanken machen.
Die nächsten Wochen erzähle ich euch, wie Nele darüber nachdenkt, wie Gott ist. Vielleicht hast du dir da ja auch schon so deine Gedanken gemacht?
Philemon, Gal 5,1
24.8.2024