Wo die Toten zuhause sind.
Heute ist Schule mal ganz anders für Nele. Heute machen sie im Religionsunterricht einen Ausflug auf den Friedhof. Das ist aufregend. Sie lassen die Schultaschen im Klassenzimmer, ziehen die Schuhe und Jacken an, auch Mützen und Handschuhe werden gebraucht. Es ist ein feuchtkalter Novembertag.
Dann gehen sie los. Es ist nicht weit. Sie kennen alle den Weg, denn mitten im Friedhof steht die Kirche, in der manchmal Schulgottesdienst ist. Es ist ein Schnattern und Erzählen zwischen den Kindern. Manche haben Gräber von Großeltern auf dem Friedhof. Manche finden Friedhof unheimlich und unbekannt.
Angekommen am Friedhof erklärt die Religionslehrerin den Kindern, wie man sich am Friedhof verhält. Nicht laut schreien, nicht rennen, nicht fangenspielen, auf den Wegen bleiben und nicht über Gräber hüpfen. Die Religionslehrerin teilt immer vier Kinder in eine Gruppe ein. In ihren Gruppen sollen sie über den Friedhof gehen, nicht alle in der gleichen Ecke. Ihre Aufgabe ist es Sprüche zu finden auf den Grabsteinen und Bilder und was auf den Gräbern noch so zu finden ist. Das alles sollen sie auf ihrem Gruppenklemmbrett notieren. Die Religionslehrerin teilt die Klemmbretter und Stifte aus.
Nele ist mit Inge in einer Gruppe, das ist ja klar; zwei weitere Mädchen sind auch noch dabei. Sie schauen sich um und überlegen, wohin sie zuerst gehen sollen. Nele hat da gleich eine Idee. "Lasst uns zum Grab von meinem Opa gehen!", sagt sie. Die anderen nicken. So machen sie es. Nele geht voraus. Nele zeigt es ihren Mitschülerinnen. Erst vor wenigen Tagen hat sie das Grab mit der Oma "winterfest" gemacht, wie Oma immer sagt. Winterfeste Blumenstöckchen eingepflanzt, Tannenzapfen in einer Ecke des Grabes dekoriert und viele kleine Tannenzweige wie einen Teppich in die Erde gesteckt. Dazu eine große rote Kerze, die so gebaut ist, dass der Wind sie nicht sofort wieder ausbläst.
Inge hat das Klemmbrett in der Hand und gemeinsam beschlossen sie aufzuschreiben: Blumen, windfeste Kerze, Tannengrün und - da schauen sie nochmals genau hin - Kreuzzeichen auf dem Grabstein.
Sie gehen weiter, noch ein Kind aus ihrer Gruppe hat ein Grab auf dem Friedhof. Das besuchen sie auch. Dieser Grabstein hat einen Spruch: Geliebt und unvergessen. Eifrig schreiben sie den auf ihr Blatt. Wieder finden sie eine windfeste Kerze und natürlich Blumen. Dann geht die Gruppe weiter. Bislang waren sie in dem Teil des Friedhofes, wo es Erdbestattungen gibt. Also große Gräber, in die der Sarg hinabgelassen wird. Jetzt sind sie in der Ecke des Friedhofs, wo es Urnengräber gibt. Da wird der Sarg verbrannt und die Asche kommt in eine Urne, das ist wie eine Vase mit Deckel. Die Urne ist klein und kann auch eingegraben werden, oder es gibt eine Mauer im Friedhof, wo die Urnen in kleine Abteilungen eingestellt werden und dann ein Steindeckel davor kommt, mit Namen darauf. Bei den Urnengräbern entdecken die Kinder viele Bilder. Eine Schnecke, eine Sonne, Rosen, die sich ranken, Engel. Und insgesamt weniger Sprüche. Alles wird eifrig notiert.
Und schon hören sie die Klangschale der Religionslehrerin, die sie zusammenruft. Sie treffen sich bei der Trauerhalle. Alle Gruppen dürfen erzählen, was ihnen aufgefallen ist. Was sie verstanden haben und was ihnen ein Rätsel ist. Bei Neles Gruppe war das Rätsel die Schnecke. Doch die Religionslehrerin konnte es ihnen gleich erklären: "Die Schnecke ist ein Symbol für die Auferstehung. Schnecken sind im Winter wie tot. Keine Einzige ist mehr im Garten zu sehen, die Schneckenhäuser liegen in irgendwelchen Ecken. Doch wenn es Frühling wird, dann werden die Schnecken wieder lebendig und sind wieder im Garten zu Hause."
Ahh, jetzt verstehen die Kinder die Schnecke am Urnengrab.
Die Kinder reden noch über den Friedhof, wie verschieden die Gräber sind. Manche sind ober ordentlich, manche reich geschmückt, auch einige ungepflegte Gräber gibt es. Alles miteinander sehr verschieden.
Die Religionslehrerin führt die Kinder wieder zurück ins Klassenzimmer. Die Klemmbretter hat sie ihn ihrem Korb eingesammelt.
Zurück im Klassenzimmer sind noch 10 Min Zeit. Die Religionslehrerin hat noch ein Blatt für die Kinder vorbereitet. Das soll Hefteintrag und Hausaufgabe werden. Auf dem Blatt ist ein Bibeltext aufgeschrieben.
Gemeinsam lesen sie ihn: Jesus sagt: “Lasst euch im Herzen keine Angst machen. Glaubt an Gott und glaubt an mich. Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: 'Ich gehe dorthin, um für euch einen Platz vorzubereiten?'"
"Das kenne ich!", platzt Nele heraus. "Das hat mir meine Oma schon erzählt." Das freut die Religionslehrerin.
Und jetzt kommt noch die Hausaufgabe, sagt die Religionslehrerin: "Ihr sollt euch überlegen, wie die Wohnungen in Gottes Haus aussehen könnten. Ihr könnt euch entscheiden, stellt ihr euch die Wohnungen von eueren verstorbenen Angehörigen vor, oder vielleicht wollt ihr lieber überlegen, wie die Wohnung für euch bei Gott ausschauen soll? Braucht es eine besondere Einrichtung? Welches Buch soll vielleicht dort sein, und welches Kuscheltier? Braucht es einen Spielplatz oder einen Teich?
Ihr könnt es mit Worten beschreiben, ihr könnt es malen und wer ganz kreativ sein will, gestaltet wie ein Architekt ein Modell. Eine Schuhschachtel, in die man in die Wohnung hineinschauen kann. Ich bin sehr gespannt auf euere Ideen!"
Dann wird zusammengeräumt, das Schlusslied gesungen und es geht nachhause.
Nele und Inge gehen wieder gemeinsam ein Stück. Sie sind am Überlegen, ob sie eine Wohnung im Haus Gottes für sich einrichten wollen oder doch lieber die Inge für ihre Oma und Nele für ihren Opa?
Nele denkt noch den ganzen Nachmittag darüber nach und dann beschließt sie, sie will die Wohnung ihres Opas beschreiben. Doch das kann sie nicht alleine. Dazu braucht sie die Oma. Was war denn Opas Lieblingsfarbe? Saß er lieber im Sessel oder am Sofa? Was war sein Lieblingsessen? Viele, viele Fragen gab es da.
Nele bespricht sich mit Mama und sie telefonieren mit der Oma. Schon am nächsten Tag ist Nele bei der Oma eingeladen, zu Kakao und Zitronenkuchen. Nele nimmt sich einen Block mit. Alles will sie sich genau aufschreiben.
Es wird ein schöner Erinnerungsnachmittag an den Opa und eine sehr ordentliche Hausaufgabe für den Religionsunterricht.
Ab nächster Woche geht es um das Licht. Licht passt wunderbar zum Advent.
Joh 14, 1-2
23.11.2024