Das Licht am Adventskranz
Was war das für eine Nacht! Nele ist noch ganz gerädert. Ausgeschlafen fühlt sich anders an.
Paul, Neles kleiner Bruder, hat heute Nacht die ganze Familie aufgeweckt. Er hat sich gefürchtet. Das kommt eigentlich nicht vor. Aber heute Nacht schon. Er ist aufgewacht und es war stockfinster. Ganz finster. Nirgends ein Licht. Eigentlich hat er so eine kleine Lampe, die in der Steckdose steckt, die stört nicht beim Schlafen und gibt nachts, wenn man aufwacht, etwas Helligkeit. So war es heute Nacht nicht. Paul wachte auf und es war stockfinster und er hatte Angst und rief und fing dann an zu weinen. Die Mama sprang gleich aus dem Bett und wollte Licht im Flur machen. Kein Licht. Nirgends Licht. Auch nicht auf der Straße. Der Strom war ausgefallen. Also tastete sich Mama im Dunkeln zu Pauls Bett und trat dabei - natürlich - auf einen Legostein. Autsch! Die Mama schimpfte leise. Dann hatte sie Paul erreicht und begann ihn zu trösten. Paul ließ sich aber nicht trösten. Er wollte ein Licht. Aber es gab doch kein Licht. Mama rief den Papa, er schlief tief und fest. Also rief die Mama öfters. Da wachte dann Nele auf und wunderte sich: finsterste Nacht, kein Licht, nirgends.
Als der Papa endlich gehört hatte, sollte er Mama bei Paul ablösen. Also tastet er sich zu Pauls Bett und - autsch - auch er trat auf einen Legostein. Er war gar nicht begeistert. Nun machte sich Mama auf die Suche nach einer Kerze und nach einem Feuerzeug. Das dauerte und dauerte. In absoluter Finsternis ist alles sehr viel schwieriger.
Dann hatte Mama alles gefunden, was sie brauchte. Sie zündete die Kerze an und ging damit zu Paul ins Zimmer. Schon wurde es heller. Paul sah wieder etwas. Er wurde ruhiger und beruhigte sich schließlich ganz. Mama verteilte Kerzen. Eine in der Toilette, eine im Flur, eine bei Nele im Zimmer und auch eine im Schlafzimmer. Alle gingen nochmal auf die Toilette und dann wieder ins Bett.
Mit der Kerze als Licht konnte Paul wieder einschlafen und die anderen auch. Doch es war wirklich eine unruhige Nacht.
Jetzt musste Nele in die Schule. Wie immer war sie auf den Religionsunterricht gespannt. Was sie wohl heute hören würden.
Zunächst war wenig zu hören, denn die Religionslehrerin forderte die Kinder auf in den Stuhlkreis zu kommen und dann verdunkelte sie das Klassenzimmer. Es war nicht ganz so dunkel wie in der Nacht in Neles zu Hause, aber doch ganz schön dunkel. Die Kinder sollten erzählen, wie sie sich in der Dunkelheit fühlen. Da konnten alle was sagen. Die meisten mochten Dunkelheit überhaupt nicht. Sie machte ihnen Angst und Sorgen. "Könnt ihr es noch eine kleine Weile aushalten?", fragte die Religionslehrerin. "Ich möchte gerne noch mit euch über die zweite Seite der Dunkelheit reden. Menschen sagen manchmal: es ist eine dunkle Zeit, dabei geht die Sonne jeden Tag wieder auf. Habt ihr eine Ahnung, was sie damit meinen?" Da hatten die Kinder wohl eine Ahnung. "Den Krieg in der Ukraine!" "Das, was in Gaza, Israel und Libanon passiert." "Die Politik in Amerika." "Parteien in Deutschland, die sich unfair verhalten." "Menschen, die arm sind." Menschen, die auf der Straße leben." "Menschen, die Gewalt erleben." Die Kinder hörten gar nicht mehr auf. Die Lehrerin musste sie abbrechen. "Bevor es jetzt in uns allen noch viel dunkler wird und kälter wird und wir traurig werden", sagte die Religionslehrerin, "bitte ich euch für einen Moment, die Augen zuzumachen." Die Kinder folgen. Sie hörten die Religionslehrerin rascheln und dann ein leises "Klick". Und ob wohl sie die Augen zu hatten, sahen sie einen zarten Schimmer. "Ihr dürft die Augen wieder aufmachen!", sagte die Religionslehrerin. Die Kinder blinzelten und sahen in der Kreismitte einen Adventskranz stehen, mit einer angezündeten Kerze. Schon war das Klassenzimmer nicht mehr dunkel. Es war heimelig. Manche Kinder seufzten und dehnten und reckten sich. Sie waren froh, dass die Dunkelheit nicht mehr so schlimm war. Sie freuten sich an dem Licht.
Die Religionslehrerin erzählte ihnen eine kleine Geschichte aus der Bibel:
"Der Prophet Jesaja lebte zu einer Zeit in Israel, da waren die Menschen arm dran. Sie waren unterdrückt. Sie mussten viel arbeiten und immer wieder Geld oder Lebensmittel an die Unterdrücker abgeben. Das war gemein. Viele hatten Hunger. Alle waren voller Sorge, dass Gott sie vergessen hat. Da sagte der Prophet Jesaja: 'Gott hat euch nicht vergessen. Er ruft euch zu: Das Volk, das in der Finsternis lebt, sieht ein großes Licht. Es wird hell scheinen über denen, die im Düsteren wohnen. Ja, wir werden laut jubeln, denn Gott schenkt uns große Freude, wir werden feiern wie bei einer guten Ernte. Die, die uns unterdrücken, verlieren ihre Macht.' Daran erinnert uns der Adventskranz jedes Jahr mit seinem ersten Licht. Den Adventskranz gab es nicht schon immer. Johann Hinrich Wichern hat den Adventskranz erfunden. Das war 1839. Er hat in Hamburg ein großes Kinderheim geleitet. Die Kinder hatten schon dunkle Zeiten erlebt und fürchteten sich schnell. Und im Dezember ist es ja immer besonders dunkel, da wollte ihnen Johann Hinrich Wichern das Licht in die dunkle Jahreszeit bringen. Er hat ein großes Wagenrad genommen und vier dicke weiße Kerzen auf 12 Uhr, 3 Uhr, 6 Uhr und 9 Uhr verteilt und dazwischen kleinere rote Kerzen für jeden Tag im Advent eine. Dieses Jahr wären es 20 rote Kerzen zu den 4 weißen. Wir haben heute an unserem Adventskranz nur noch mit den vier Kerzen für die Adventssonntage. Das ist ganz gut so, wie soll so ein Wagenrad ja auch ins Klassenzimmer, oder daheim in die Küche passen.
Schnell lernten sie noch ein wenig ein neues Lied, dass jetzt gut zur dunklen Zeit und dem Adventslicht passt.
Ein Licht leuchtet auf in der Dunkelheit, sein Schein dringt zu uns in unsre Zeit, bezwingt Angst und Leid und befreit.
Nele ging beschwingt nach Hause. Die Religionsstunde hat wunderbar zu ihrer Nacht gepasst. Sie wusste genau, wie schön ein kleiner Kerzenschein die dunkelste Nacht erhellen kann.
Nächster Woche geht es wieder um das Licht und den schwedischen Brauch zum 13. Dezember: dem Lucia-Tag.
Jes 9, 1-3
Lied: Text: Rolf Kreuzer, Musik: Ludger Edelkötter
30.11.2024