Die Jahreslosung für das Jahr 2025
Der Papa von Nele hat einen Spreißel im Finger, ein kleiner Holzsplitter, der in der Haut feststeckt. Der Papa braucht Hilfe. Er schafft es alleine nicht, den Holzsplitter herauszubekommen. Und raus muss er, er stört und tut weh. Der Papa bittet die Mama um Hilfe. Die schaut sich den Finger an und stellt fest: "Winzig!". Sie geht ins Badezimmer und holt eine Pinzette und aus der Wohnzimmerkommode eine Lupe. Eine Luxuslupe. Eine mit Licht. Nele muss auch helfen. Sie soll das Licht in der Lupe anschalten und die Lupe über Papas Finger halten, aber so hoch, dass Mama mit der Pinzette noch hinkommt. Das klappt nicht auf Anhieb, aber dann haben sie alle den richtigen Abstand gefunden: Finger, Pinzette, Lupe. Die Mama schaut sehr konzentriert und versucht nun ihr Bestes, den kleinen Spreißel zu erwischen, damit alles wieder gut wird. Sie schafft es. Alles ist wieder gut. Und Nele hat ein neues Utensil entdeckt. Die Lupe. Wenn sie durch ihre Lupe schaut, dann sieht sie alles viel größer. Die Brotkrümel auf dem Esstisch. Den Sand im Flur von den Schuhen. Im Teppichboden den Staub. Die feinen Linien in der Hand. Die Augen ihres Bruders Paul sind ganz groß. Nele ist begeistert. "Mama, darf ich die Lupe ein wenig behalten und mit in mein Zimmer nehmen?", fragt sie. Die Mama überlegt und nickt dann. "Ordentlich mit ihr umgehen und keine Fettflecken auf das Glas machen", sagt sie und Nele geht in ihr Zimmer. Was es da alles zu entdecken gibt. Der von der Oma gestrickte Pullover. Der Leuchtstern an der Wand. Das Schrankholz.
Als es Abendessen gibt, muss sie gerufen werden, so ist Nele in ihre Betrachtung der Welt durch die Lupe gefesselt. Beim Abendessen erzählt sie, was sie alles entdeckt hat. Den Sand im Flur und den Staub im Teppich. Da hat Mama gleich die Idee, dass Nele ja nach dem Essen noch mit dem Staubsauger etwas Sauberkeit zaubern könnte, dann kann sie sehen, wie es dann aussieht unter ihrer Lupe. Das macht Nele wirklich freiwillig. Der Flur ist blitzblank und der Teppich deutlich sauberer.
Am nächsten Tag ist Sonntag und Mama will wie immer den Gottesdienst im Radio hören. Papa und Paul gehen spielen, damit es ruhig ist in der Küche am Esstisch. Nele bleibt bei der Mama sitzen und hört mit einem Ohr zu und mit beiden Augen ist sie mit ihrer Lupe beschäftigt. An der Fensterbank, im Brotkasten, in der Besteckschublade und im Kühlschrank. Alles betrachtet sie genau. Sie ist leise dabei und stört die Mama nicht. Dann ist der Gottesdienst vorbei und die Mama sagt: "Hast du gehört, Nele: Prüfet alles und behaltet das Gute, das ist die Jahreslosung für das Jahr 2025. Du passt gut dazu, du mit deiner Lupe, mit der du alles prüfst. Gestern hast du geprüft, dreckig oder sauber im Flur und am Teppich und hast sauber behalten, also sauber gemacht." Nele staunt. Das mit der Jahreslosung kennt sie schon. Jedes Jahr ein anderer Vers aus der Bibel, ein Motto für das ganze neue Jahr. Dieses Jahr also: "Prüfet alles und behaltet das Gute."
Nele denkt nach. "Mama, man kann nicht nur mit den Augen prüfen, so wie mit der Lupe. Ich kann auch mit der Zunge prüfen." Mama schaut Nele etwas verwundert an: "Mit der Zunge?" "Ja, mit der Zunge", sagt Nele. "Wenn ich meine Zähne geputzt habe, dann sind meine Zähne ganz glatt, wenn ich darüber fahre, wenn ich sie nicht geputzt habe, dann fühlen sie sich an meiner Zunge rau an." Jetzt nickt die Mama, das versteht sie. "Man kann auch mit den Fingern prüfen", sagt sie dann. "Ob etwas warm oder kalt ist, oder rau oder glatt. Doch wichtig ist es zu prüfen, ob ich mich so oder so verhalten will. Ehrlich oder unehrlich, freundlich oder mürrisch, hilfsbereit oder egoistisch."
Nele schaut die Mama an. "Da muss man dann mit dem Herzen prüfen, da hilft keine Lupe, keine Zunge, keine Finger. Das ist dann schwer." "Ja", sagt die Mama.
Nele trollt sich in ihr Zimmer und Mama kümmert sich um das Sonntagsmittagessen. Die Oma kommt heute auch. Darauf freut sich Nele. Es ist ein schöner Sonntagnachmittag und Nele hat ihre Lupe und die Jahreslosung bei den vielen anderen Dingen vergessen.
Erst in der nächsten Religionsstunde fällt es ihr wieder ein. Sie geht zu ihrer Religionslehrerin und erzählt von der Jahreslosung: Prüfet alles und behaltet das Gute. Sie fragt die Religionslehrerin: "Das steht doch in der Bibel, wie ist das denn gemeint?" Die Religionslehrerin freut sich über die Frage und verspricht in der Religionsstunde noch Zeit für die Frage zu haben. Und so kommt es dann auch.
Die Religionslehrerin erzählt, dass der Paulus - den kennen die Religionskinder schon - einer Gemeinde in Thessalonich diesen Satz geschrieben hat. Thessalonich - heute heißt es Saloniki - war eine Hafenstadt, in der ganz viele verschiedene Menschen zusammenlebten. Die einen glaubten an Jahwe und waren Juden, die anderen glaubten an griechische Götter und wieder andere an römische Götter. Die einen aßen Schweinefleisch, die anderen nicht. Manche knieten beim Beten, andere standen beim Beten. Die einen feierten dieses Fest, die anderen ein anderes. Und diese bunte Mischung von Menschen hatte als Paulus in der Stadt zu Besuch war, sich entschlossen Christen zu werden. Sie wollten die Geschichten von Jesus, von Paulus hören. Sie glaubten an die Auferstehung und dass Gottes Reich kommen wird. Doch im Alltag taten sie sich manchmal schwer. Wie betete man nun zu Gott? Kniende, sitzend, stehen. Was aß man jetzt? Welche Feste feierte man, und wie feierte man sie? Mitten in diese Ungewissheit schreibt ihnen Paulus: Prüfet alles und behaltet das Gute. Was meint ihr, was die Christen in Tessalonich gemacht haben?", fragt die Religionslehrerin. Nele meldete sich: "Ich denke sie haben es ausprobiert. Erst das Beten, das ist wohl das einfachste."
Die Religionslehrerin nickte. "Genauso war es. Manche fanden hinterher, sie beteten lieber im Stehen. Andere lieber kniend. Doch da war der Unterschied nicht mehr so groß. Jeder für sich hatte ja geprüft, was für ihn gut war. Und wie ist das heute mit euch Kinder?", fragte die Religionslehrerin. Wo habt ihr schon geprüft, was gut ist?"
Ein Junge meldet sich: "Ich weiß jetzt, dass es gut ist, vor einer Probe zu lernen. Ohne Lernen ist die Probe schlecht." Ein anderes Kind sagte: "Ich weiß, dass es besser ist, gleich die Wahrheit zu sagen, sonst wird der Stress immer größer und man verheddert sich in den Lügen." "Ich habe herausgefunden", sagte ein weiteres Kind, "es ist besser, wenn man freundlich zu den Menschen ist und höflich, die sind es dann meistens auch." Die Religionslehrerin freut sich über die Gedanken ihrer Schülerinnen und Schüler. "Ihr habt das gut beschrieben und die Bibel ermutigt uns, alles genau anzuschauen und zu prüfen und dann das Gute zu behalten. Sie schreibt uns nicht vor, so oder so musst du sein. Nein, sie ermutigt uns selbst zu prüfen, was für uns gut ist. Ja, man muss es manchmal wirklich erst ausprobieren, um es für sich zu wissen."
Da läutet die Schulglocke. Schnell verabschiedet die Religionslehrerin ihre Religionsgruppe.
Nele freut sich auf ein Gespräch mit ihrer Mutter, denn sie weiß nun noch andere Dinge zur Jahreslosung 2025.
In den nächsten Wochen erzähle ich dir Geschichten zum Thema: Angst und Vertrauen.
1. Thes 5,21
11.1.2025