Ein Vater und zwei unterschiedliche Söhne. Nele spricht mit der Oma.

Heute haben Neles Eltern frei. Sie treffen sich mit Freunden. Paul wurde noch schnell von ihnen schlafen gelegt und Nele hatte jetzt für ein gutes Stündchen die Oma ganz für sich alleine. Die Oma war heute der "Babysitter" für Paul und Nele. Nele mochte solche Abende. Meistens schlief Paul einfach und sie konnte mit Oma plaudern und noch ein Glas Tee mit ihr trinken.

Genau so kam es. Paul war eingeschlafen, die Oma hatte Tee gekocht und sie saßen aneinander gekuschelt auf dem Sofa. Nele erzählt von der Schule und vom Religionsunterricht und dann machte sie ein sorgenvolles Gesicht. "Oma", fing sie an, "Oma, weißt du eigentlich, dass ich manchmal unheimlich neidisch auf den Paul bin?", fragte sie. Die Oma schaute verdutzt: "Du bist auf den Paul neidisch? Aber warum denn?" Nele setzte sich aufrecht hin und begann aufzuzählen: "Der wird bei Wanderungen, am Ende, wenn alle müde sind, von Papa auf die Schultern gesetzt und getragen. Ich muss selber laufen, weil ich ja schon groß bin. Paul bekommt jeden Abend etwas vorgelesen. Ich soll selber lesen, das macht mich in der Schule besser. Paul wird verwöhnt und bekommt noch ein Stück Schokolade nach. Zu mir wird gesagt: 'Du weißt doch, nur 2 Stück!'"

So, jetzt war es raus. Nele sackte etwas zusammen. "Manchmal könnte ich weinen."

Die Oma legte den Arm um Nele und drückte sie. "Ja, manchmal ist es schon schwer, die große Schwester zu sein. Manchmal wäre man gerne wieder so klein wie Paul. Dabei sind deine Eltern mit dir, als du so alt wie Paul warst, genauso umgegangen, wie sie jetzt mit ihm umgehen. Du erinnerst dich halt nicht. Und stolz sind sie auf dich, dass du schon so ein großes, vernünftiges und selbstständiges Mädchen bist."

Nele lehnte sich an die Oma. Das tat gut. Sie fühlte sich verstanden und ernst genommen.

Also traute sie sich, ihr Herz noch etwas weiter aufzumachen und vom Kummer hinter dem Kummer zu erzählen. "Weißt du Oma, Gott mag solche großen Geschwister wie ich eines bin nicht. Das weiß ich aus dem Religionsunterricht."

Die Oma stutzte: "Wie kommst du denn darauf?"

"Die Religionslehrerin hat eine Geschichte erzählt, da kommt ein großer Bruder vor. Und wenn ich die Geschichte richtig verstanden habe, dann ist der neidisch auf seinen kleinen Bruder", erzählte Nele.

Die Oma nickte wissend: "Ich glaube, ich kenne die Geschichte, die du meinst. Komm, wir suchen sie in der Bibel und wir lesen sie gemeinsam. Was meinst du?"

Das findet Nele gut. Sie holt die große rote Bibel aus dem Wohnzimmerregal und dann beginnen die beiden zu suchen. So eine Bibel ist groß und dick, da kann man ganz schön suchen. Doch die Oma weiß, dass sie im Neuen Testament suchen müssen und da bei den Evangelien. Es dauert trotzdem eine kleine Weile und dann sagt die Oma: "Ich hab's gefunden! Es steht bei Lukas im 15. Kapitel."

Und dann liest Oma die Geschichte vor. Und Nele nickt immer wieder. Ja, da war der Vater mit den zwei Söhnen. Der jüngere fordert sein Erbe und zieht mit dem Geld und einem Bündel los. Er geht in ein anderes Land. Er wirft da mit dem Geld um sich und bald hat er nichts mehr. Dazu kommt gleichzeitig eine Hungersnot. Mit Mühe findet er eine Arbeit als Schweinehirte und hatte so Hunger, dass er das Schweinefutter aß. Da fängt er an nachzudenken. Er will zurück zu seinem Vater, als Knecht. Die Knechte haben es viel besser als er jetzt. Er macht sich auf den Heimweg. Der Vater sieht ihn kommen und läuft ihm entgegen. Der Vater umarmt seinen jüngeren Sohn, obwohl der dreckig ist und nach Schweinen stinkt. Er zieht den Sohn mit ins Haus. Der jüngere Sohn erklärt dem Vater, dass er hier gerne als Knecht arbeiten möchte. Doch der Vater befiehlt seinen Angestellten: "Holt Sandalen für die Füße, einen Ring für den Finger und ein schönes, sauberes Gewand und dann schlachtet das gemästete Kalb, wir wollen essen und feiern. Mein Sohn war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden."

Der ältere Sohn kam von der Feldarbeit und hörte das Fest. Er fragt einen Knecht: "Was ist denn hier los?" Der Knecht erklärt dem älteren Sohn alles. Als er das hörte, wurde er zornig. Nein, da wollte er nicht mitfeiern. Da kam der Vater heraus zum älteren Sohn und redete ihm gut zu. Doch der ältere war aufgebracht und schleuderte dem Vater entgegen: "Immer habe ich für dich gearbeitet. Immer war ich freundlich zu dir. Nie hast du mir ein kleines Tier geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest hätte feiern können! Und dein kleiner Sohn schmeißt das Geld zum Fenster rau und dann kommt er heim und du lässt ein großes Fest feiern!" Der Vater hört sich alles an und erklärt dann: Mein lieber Junge, du bist immer bei mir gewesen. Und alles, was mir gehört, gehört dir. Doch jetzt müssen wir uns freuen und feiern. Denn dein Bruder war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden!"

Die Oma hat fertig vorgelesen. "Stimmt, sagt sie! Der ältere Sohn ist neidisch. Und das kann man verstehen."

"Ja", sagt Nele, "ich verstehe ihn sehr gut. Aber gut steht er nicht da, der ältere Sohn."

"Stimmt", sagt die Oma. "Aber ist es nicht so, dass Jesus die Geschichte erzählt hat, um den Menschen etwas zu erklären?" Nele nickt: "Die Religionslehrerin hat erzählt, dass Jesus meint, so wie der Vater in der Geschichte ist, ist Gott."

Die Oma nickt wieder. "Das habe ich mir auch so gedacht. Also wie erzählt Jesus, dass Gott ist?" Da ist Nele gleich eifrig dabei aufzuzählen, was ihr einfällt: "Er teilt sein Geld und gibt die Hälfte dem Jüngeren. Er vermisst seinen jüngeren Sohn. Er freut sich als er wieder heimkommt. Er nimmt ihn als Sohn auf. Er feiert ein Fest. Er hört dem älteren Sohn bei seinem Wutausbruch geduldig zu. Er bittet um Verständnis für sein Handeln. Er erklärt sein Handeln."

"Mensch Nele, du hast alles aufgezählt, was in der Geschichte vorkommt, prima", lobt die Oma. "Und jetzt denken wir nochmal nach, was sich Gott von uns Menschen wünscht." Die Nele denkt nach: "Wir dürfen immer wieder zu ihm zurückkommen, wie der jüngere Sohn, egal was wir vorher gemacht haben."

"Ja", sagt die Oma. "Und was lernen wir vom älteren Sohn?" Nele flüstert: "Nicht neidisch sein." Die Oma schubst sie an. "So kann man das auch sagen. Doch hör mal, wie ich es sage: 'Man soll sich mit dem Vater freuen, und mit dem jüngeren Bruder. Man soll sich freuen, dass der Vater so ein weites Herz hat. Und, dass man seinen Unmut auch sagen kann.' Was meinst du, Nele, wie hört sich das an?"

"Wenn der Vater ein weites Herz hat, dann hat er das auch für den älteren Sohn, der hat es nur bislang nicht gebraucht", meint Nele. "So ist es!", sagt die Oma und dann schaut sie auf die Uhr. "Meine Güte Nele, wir sagen deinen Eltern morgen besser nicht, wann du ins Bett gegangen bist. Es ist ja so spät geworden. Doch gut, dass wir uns die Zeit genommen haben über die Geschichte nachzudenken. Und jetzt, ab ins Bett." Nele küsst schnell noch die Oma, dann springt auf und verschwindet ins Bad.

Nächste Woche gibt es eine weitere Geschichte zum Thema: Wie bist du, Gott?

Lk 15, 11-32

31.8.2024

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Gott ist für mich da.

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Nele hört im Religionsunterricht eine Geschichte zu Psalm 22.